Atis Kronvalds

Atis Kronvalds

Im Taufschein, ausgestellt vom Pastor Katterfeld, kann man lesen, dass am 3.(15.)April 1837 im Hof Miķi der Gemeinde Krothen der Sohn Otto (Atis) des Schneiders Christoph Kronwald und seiner Frau Margarete geboren wurde. Getauft vom lettischen Pastor Runtzler. Taufpaten Junge Otto Lilienthal, die Frau des Knechtes Jule Norenberg, Mädchen Bille Stahl. Der Hof Miķi gehörte zum Kirchspiel Durben.

Der Wohnsitz der Eltern von Kronwalds war nicht beständig. Der Vater sparte Geld und wurde Viehpächter auf einem Beigut. In der Verwandschaft und im Freundeskreis von Kronwalds Eltern waren sogenannte Landdeutsche  (Kleindeutsche) – deutsche Handwerker oder eingedeutschte Letten. Der Pastor Katterfeld, ein Freund der Letten, wollte auch diesen deutschen Bevölkerungsteil unterstützen. Er überredete die Eltern Kronwalds, ihren Sohn Otto in die Springersche Schule zu schicken und verpflichtete sich, ihn als Pflegesohn und Spielgefährten seiner Kinder in sein Haus aufzunehmen.

Im Alter von 13 Jahren kam Otto ins Pastorat, in andere Verhältnisse und Gesellschaft. Er sah in der Gesellschaft zwei Gruppen – Deutsche und Letten. Die Deutschen waren eine höhere Schicht, waren reicher, haben wichtige Ämter bekleidet und entschieden die Schicksäle dieses Landes. Er hatte beobachtet, dass die Menschen der niederen Schicht, reicher geworden und zur Bildung  gelangt, zu Deutschen wurden. In der Familie des Pastors vervollkomnete er sein Deutsch, lernte feine Manieren und hielt sich für einen jungen Deutschen. Der Pastor Katterfeld hatte zum Unterschied von den Deutschen des Baltikums keine Vorurteile den Letten gegenüber, trotzdem glaubte er nicht an eine breitere Entwicklung der lettischen Kultur. Seine Ansicht war, ein gebildeter Lette soll wie ein Deutscher sein.  Otto akzeptierte diese Ansichten und erst im späteren Leben wandte er sich davon ab. Seinen Pflegevater achtete er jedoch als Menschen und Freund der Letten  und vergaß sein Leben lang nicht.

Als Otto das Alter von 16 Jahren erreichte, konfirmierte der Pastor Katterfeld  ihn zusammen mit anderen deutschen Jungen und Mädchen und schickte in die höhere Kreisschule nach Libau. Diese Schule war für die Kinder der höheren Kreise Kurlands. Am Anfang war er der beste Schüler in seiner Klasse, bald aber begeisterte er sich fürs Lesen, hatte andere Interessen außerhalb der Schule, wurde kritisch gegenüber den Unterrichtsmethoden. Er konnte die Schule nicht abschließen und musste selbständig werden. Er nahm die Hauslehrerstelle in der Familie des Arztes Pfeffer an, in Darbenen in Litauen, nicht weit von der kurländischen Grenze. Später ging er zusammen mit dem Sohn des Arztes nach Berlin und besuchte ein Semester lang Vorlesungen an der medizinischen Fakultät. Die Berliner Zeit hatte eine große Bedeutung für sein weiteres Leben: er hörte Vorlesungen berühmter Wissenschaftler, traf sich mit deutschen Studenten und nahm an ihren Diskussionen teil, lernte nationale Bestrebungen des deutschen Volkes kennen und dadurch verstand er besser das Schicksal des lettischen Volkes.

 

 

Ohne Mittel kehrte Kronvalds aus Berlin zurück und kam in Durben an. Diesmal wurde er Hauslehrer in der Familie des norddurbenschen Pastors Proktor. Hier vergingen vier Jahre, seine freie Zeit widmete er dem Studium der Sprachwissenschaft, Pädagogik und Naturwissenschaften. Kronvalds war ein geselliger Mensch und nahm bald Kontakte mit anderen Lehrern aus der Umgebung auf. Seine Beobachtungen in Deutschland haben ihn gelehrt, dass die Lehrer keine Einzelgänger in ihrer Arbeit bleiben dürfen. Schon bald veranstaltete er kleine Konferenzen mit 6 – 12 Lehrern aus der Umgebung. Eine enge Freundschaft verband ihn mit dem durbenschen Lehrer Schäfer, beide diskutierten oft über Fragen der Pädagogik und Psychologie. In seinen Erinnerungen betonte der Lehrer Blum aus Dubenalken die besondere Fähigkeit von Kronwalds, andere um sich zu versammeln.  Seine Berliner Beobachtungen ließen ihn auch an die nationale Frage zu denken. Seine Erkenntnis war, dass eine wahre Bildung am besten in der Muttersprache zu erlangen ist. Er begann ein ernstes Studium der lettischen Sprache anhand von Grammatiken und Wörterbüchern und stellte bald fest, dass viele Begriffe kein lettisches Wort hatten. In der Zeit in Durben bildete er, leitete ab und belebte viele Wörter in der lettischen Sprache. Der Pastor Proktor begann auch die von Kronvalds gebildeten Wörter in seinen Predigten zu gebrauchen, zum Beispiel līdzeklis (Mittel). Auch in den Lehrerkonferenzen, die am Anfang in Deutsch stattfanden, ging man aufs Lettische über.

In dieser Zeit begann auch seine schriftstellerische Tätigkeit. 1863 erschien ein kleines Lehrbuch für Deutsch „Mazā vācieša pirmais solis”, 1865 – die Fortsetzung. Kronvalds verstand, dass in der damaligen Zeit Deutschkenntnisse notwendig waren, um sich aus der bäuerlichen Mitte herauszubrechen und zur höheren Bildung zu gelangen. Er ermahnt jedoch im Vorwort die Letten, dass man zuerst die eigene Muttersprache gut beherrschen muss. Im Buch sind auch Dankesworte an seinen Pflegevater Katterfeld, als Förderer wahrer Bildung.

Kronwalds stand im Briefwechsel mit gebildeten deutschen Männern in Mitau und Riga, die sich für Freunde der Letten hielten, und lernte ihre Ansichten über die Möglichkeiten  eines lettischen Bildungsweges verstehen. Kronvalds war enttäuscht, und wir sehen, dass er in die Reihen der Jungletten kommt, seine Sympathien sind auf der Seite, die die Zeitung „Pēterburgas Avīzes” vertrat, in der auch Juris Alunāns, Krišjānis Valdemārs, Krišjānis Barons tätig waren.

Die Situation eines Hauslehrers war nicht beneidenswert, man war von den Einfällen der Arbeitsgeber abhängig, es gab keine Zukunftsperspektive. Kronvalds hatte sich heimlich mit der Tochter des Gramsdenschen Arztes Roloff verlobt, doch ein Hauslehrer hatte keine materielle Grundlage zur Heirat. 1865 verließ er Durben, um nach Dorpat zu gehen und die Pädagogikkurse an der Dorpater Universität zu besuchen. Es war in Aussicht gestellt, nach Abschluss der Kurse eine Lehrerstelle zu bekommen.

Am Morgen des 28.August nahm Kronvalds von seinen Eltern in Krothen Abschied und trat den Weg im Pferdegespann an. Die Eisenbahn gab es damals noch nicht. In seinem Reisegepäck waren drei Anzüge, 15 Hemden und in seiner Tasche waren 120 Rubel. Er erreichte Mitau, fuhr weiter nach Riga mit einem Schiffchen und von dort mit einem Postwagen über Wenden, Wolmar und Walk nach Dorpat. In Dorpat wohnte er neben einer Kirche mit Vorgarten, was ihn so sehr an Durben erinnerte.